Penguin Verlag | 220 Seiten | Einzelband | 14 € | ⭐⭐⭐⭐
Dieses Buch habe ich innerhalb von zwei Tagen gelesen und dabei sehr viele Stellen markiert. Martina Hefters Schreibstil ist sehr besonders. Viele kurze Sätze. Viele Gedanken. Vieles, das zwischen den Zeilen passiert. Es ist kein Buch, das durch Spannung oder große Ereignisse lebt, sondern durch Beobachtungen, Gefühle und die Innenwelt der Protagonistin.
Im Mittelpunkt steht Juno, eine Tänzerin und Schauspielerin, die ihren schwer kranken Mann pflegt und deren Leben stark von Routine, Verantwortung und Müdigkeit geprägt ist. Nachts, wenn sie nicht schlafen kann, beginnt sie mit fremden Männern im Internet zu schreiben, darunter auch sogenannte Love Scammer. Diese Chats werden zu einem festen Bestandteil ihres Alltags. Die Geschichte wird aus ihrer Perspektive erzählt und man ist sehr nah an ihren Gedanken, ihren Erinnerungen und ihren inneren Konflikten. Dadurch fühlt sich vieles sehr persönlich und direkt an.
"Jetzt bloß nicht in einen Abgrund fallen, einfach weitermachen, nicht vom Weg abkommen. Festen Plänen folgen, Fahrplänen, Probenplänen, Uhrzeiten." - S. 201
Man sollte hier definitiv keinen klassischen Spannungsbogen erwarten. Es gibt keine großen Plotwists und keine dramatischen Wendungen. Stattdessen begleitet man Juno durch ihren Alltag, ihre Gedanken, ihre Routinen und die kleinen Momente dazwischen. Gerade das hat für mich den Reiz ausgemacht. Es geht weniger darum, was passiert, sondern darum, wie sie die Welt wahrnimmt und wie sie mit ihrer Situation umgeht.
"Eigentlich schauspielerte sie nur dann, wenn sie nicht auf einer Bühne stand. An den normalen Tagen. Da spielte sie, ein normaler Menschen zu sein." - S. 52
Der Schreibstil hat mir besonders gut gefallen. Er wirkt ruhig, fast fragmentarisch, aber gleichzeitig sehr nahbar. Viele Sätze haben bei mir nachgewirkt, weshalb ich auch so viel markiert habe. Es sind oft unscheinbare Beobachtungen, die aber sehr viel aussagen. Dadurch entsteht eine besondere Atmosphäre, die einen beim Lesen begleitet.
"Juno freute sich. Das war's doch, weswegen man lebte, wegen der Freude." - S. 201
Gleichzeitig muss man sich bewusst sein, dass dieses Buch nicht fesselt im klassischen Sinne. Es ist kein Buch, das man liest, um herauszufinden, was als nächstes passiert, sondern um eine Figur zu verstehen. Für mich war das sehr interessant, auch wenn ich mir stellenweise etwas mehr Entwicklung oder Fokus gewünscht hätte.
Insgesamt ein besonderer Roman, der von seiner Sprache und seiner Hauptfigur lebt. Kein Buch für alle, aber für mich eine sehr eindrückliche Leseerfahrung. Nach dem Lesen kann ich definitiv nachvollziehen, warum das Buch den Deutschen Buchpreis 2024 bekommen hat.
- Link abrufen
- X
- Andere Apps
- Link abrufen
- X
- Andere Apps
Kommentare
Kommentar veröffentlichen